Preventive - Präventiv (vorsorgend)

Scientific Wellness 1 (quantitative Gesundheit, Wohlbefinden), was ist das?

 

In der klassischen oder konventionellen Medizin geht man traditionell davon aus, dass ein Medikament, das zur Behandlung einer bestimmten Krankheit entwickelt wurde, bei allen Patienten auch gegen eben diese Krankheit wirkt. Das spiegelt sich auch im Aufbau derzeit gängiger klinischer Studien für neuen Medikamente wieder, die Patienten lediglich hinsichtlich des Vorhandenseins der Krankheit auswählen. 

 

Obwohl natürlich schon lange bekannt ist, dass unterschiedliche Menschen nicht gleich auf dieselbe Medikation reagieren, wurde dies meist als ebenso unvermeidliche wie unverständliche Konsequenz der menschlichen Diversität angesehen und, außer in drastischen Einzelfällen, mehr oder weniger ignoriert. Ärzte konnten ja immer auf die Erfahrungen früherer Behandlungen des Patienten zurückgreifen, um die Medikation nach eigenem Ermessen individuell anzupassen. 

 

Die Forschung hat immer mehr Parameter einer quantitativen Messung in klinischen Laboratorien zugänglich gemacht. Daher begannen Ärzte und Wissenschaftler damit, quantitative Veränderungen von Messwerten aus dem Blut oder Gewebeproben nicht nur mit Krankheiten sondern auch mit Behandlungsansätzen zu korrelieren. Daraus ergaben sich Listen besonders informativer Zusammenstellungen von einzelnen Parametern, die Aufschluss über den Gesundheitszustand bzw. das Krankheitsstadium eines Patienten geben konnten. Zudem ließen sich daraus auch Anhaltspunkte über die Wirksamkeit und Verträglichkeit einzelner therapeutischer Ansätze ableiten. Der ganze Vorgang wird heute der “Stratifizierung” in der Personalisierten Medizin zugerechnet. 

 

Es gibt aber auch Probleme, die aus der quantitativen Messung von Blutwerten und ähnlichem Verfahren entstehen. Um eine Entscheidung hinsichtlich der gesundheitlichen Relevanz solcher Messergebnisse treffen zu können, muss man natürlich entsprechende Schwellwerte bzw. Bereiche definieren, die als “gesund” oder “krank” gelten sollen. Da aber nahezu alle verfügbaren Messwerte sich über einen teilweise recht breiten Bereich verteilen (mit unterschiedlicher Häufigkeit), wird es schwierig zu beurteilen, ob ein Wert außerhalb der “Norm” nun wirklich etwas bedeutet, oder eine rein zufällige Schwankung dieses einen Patienten repräsentiert. 

 

Betrachtet man all messbaren Parameter eines Menschen oder eine Gruppe von Menschen, so ergibt sich in etwa das Bild, das in Abb. 1 als “Parameter-Wolken “dargestellt ist. Sowohl in gesunden Personen wie auch in erkrankten Patienten gibt es eine Verteilung die von “gut” bis “krank” reichen kann.  

 

Abb. 1 Viele Parameter bestimmen über die Gesundheit

 

Erst die Zusammenschau mehrerer Parameter erlaubt eine halbwegs sichere Einschätzung. Zudem ist das ganze ein hochdynamischer Prozess, der ständig am Pendeln zwischen den Extremen ist, ohne die jemals notwendigerweise zu erreichen. Präventive Maßnahmen dienen dazu, die persönliche Parameter-Wolke möglichst lange im oberen Bereich zu halten. Jede Therapie, um einer Krankheit zu begegnen, soll dafür sorgen, dass die persönliche Parameter-Wolke des Patienten wieder in den oberen Bereich verlagert wird. 

 

Als Folge dieser Verteilungen repräsentieren alle quantitativen Messungen, die wir machen können, lediglich ein Kontinuum der Parameter-Wolke mit einem Gravitationszentrum, das entweder nach oben (sprich gesund) oder nach unten (sprich krank) tendiert. Leider gilt das prinzipiell auch für die besten Indikatoren (man nennt diese Biomarker), so dass Einzelparameter nur über ein begrenzte Aussagekraft verfügen. 

 

Was hat das alles nun mit “scientific wellness” oder “quantitativer Gesundheit” zu tun? Nehmen wir z.B. das Parameter-Profil in der Mitte von Abb. 1. Dieser Mensch wird insgesamt ohne Zweifel zu den Gesunden gerechnet werden, obwohl es vielleicht manchmal hie und da ein wenig zwickt, wie es so schön heißt. Zehn Jahre vorher hatte er vielleicht das linke Profil, sprich er könnte gerade dabei sein, aus dem gesunden Bereich herauszurutschen, ohne es überhaupt zu merken. Ein normaler Gesundheitscheck würde das nicht unbedingt erkennen und als Folge davon wird aus dem Menschen ein Patient, der dann einer Behandlung bedarf - aber vielleicht wieder erst zehn Jahre später. 

 

Wenn man aber bereits im vollkommen gesunden Zustand (zumindest subjektiv) ein hinreichend großen Teil der Parameter-Wolke quantitativ erfasst, kann man den Wellness/Gesundheitszustand des einzelnen einer eher objektiven Beurteilung zugänglich machen. Darüber hinaus lassen sich aus der Gesamtsicht auch Empfehlungen ableiten, was die betreffende Person heute schon tun kann, um einer eventuell absehbaren negativen Entwicklung vorzubeugen. Das ist das Ziel von “scientific wellness”. 

 

Es gibt dabei grundsätzlich zwei große Gruppen von Parametern, die man betrachten kann. Zum ersten die genetischen Veranlagungen, die sind normalerweise lebenslang fixiert, wenn nicht gerade neoplastische Prozesse auftreten (Tumor-Bildung). Die größere Gruppe umfasst dynamische Parameter, d.h. diese ändern sich laufend und müssen daher immer wieder bestimmt werden. Der Vorteil liegt darin, dass diese Parameter Veränderungen zwischen Gesund und krank anzeigen können und auch den Erfolg einer Intervention sichtbar machen.

 

Natürlich sind solche erweiterten Vorsorgeuntersuchungen - vor allem wenn es in die Breite der Bevölkerung geht - mit nicht unerheblichem Kostenaufwand verbunden. Das steht außer Zweifel und wird gerne als Argument gegen die Durchführbarkeit (sprich Finanzierbarkeit) angeführt. Dabei werden die Milliarden €, die Jahr für Jahr in die Behandlung größtenteils vermeidbarer Krankheiten (Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen) gesteckt werden, komplett ignoriert. Oft wird dazu das bisher weder beweisbare noch widerlegbare Argument ins Feld geführt, dass die Leute sich ja ohnehin nicht an Empfehlungen halten würden und daher die erweiterten Gesundheitschecks gar nicht zur Reduktion der  Behandlungskosten führen würden. Das ist zunehmend nicht mehr korrekt, wie man an der anhaltenden und sogar steigenden Tendenz etwas für die allgemeine Fitness zu tun erkennen kann. Die Motivation kommt hier auch derzeit bereits größtenteils aus quantitativen “Erfolgen”, Kilos runter, mehr Gewichte stemmen, länger und weiter laufen können, Werte von Fitness-Armbändern, Uhren etc. 

 

Scientific wellness” Untersuchungen erweitern diesen Motivationsbereich in zweierlei Hinsicht: Erstens weil sie “Erfolge”, die man normalerweise nicht sehen kann, durch Quantifizierung sichtbar machen. Und zweitens, weil sie die einzelnen Personen auf persönliche Problembereiche aufmerksam machen, die eben nichts mit allgemeiner Fitness zu tun haben, deren Beachtung und gezielte Beeinflussung aber entscheidend für die Krankheits-Prävention ist. 

 

Was kommt als nächstes?

 

Nächste Woche möchte ich das eben ausgeführte an einem konkreten Beispiel aus einer Zusammenarbeit von zwei Institutionen (Providence Health & Services and Institute for Systems Biology) erläutern.

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