Preventive - Präventiv (Vorsorgend)

​Scientific Wellness 2 (quantitative Gesundheit, Wohlbefinden): Ein konkretes Beispiel

 

Leroy Hood, dessen P4-Definition von Personalisierter Medizin ich als Grundstruktur für diesen Blog verwende, hat sich erfreulicherweise nicht auf wissenschaftliche Forschung abseits des Alltages beschränkt. Er ist eine Kooperation mit einer großen Gesundheitsorganisation eingegangen: Providence Health & Services. 

 

Dabei handelt es sich um einen gemeinnützigen (katholischen) Gesundheitsversorger, der 34 Klinken und  600 “physician clinics” in fünf Staaten (Alaska, California, Montana, Oregon and Washington) von seiner Zentrale in Renton, Washington aus betreut. Mehr als 82.000 Mitarbeiter betreuen dabei mehr als 3,3 Millionen Patienten mit einem Jahresetat von fast einer Milliarde US $ (2015 waren es 951 Millionen). Sicherlich ein repräsentativer Querschnitt an Patienten. Im Jahr 2016 wurde Leroy Hood neben seiner Direktoren Rolle beim Institute of Systems Biology (ISB) als Senior Vice President und Chief Scientific Officer (wissenschaftlicher Leiter) von Providence Health & Services berufen, um die Forschungsergebnisse direkt in die Patienten Versorgung zu bringen. Das wird in Zukunft sicherlich eine der bevorzugten Stellen sein, wenn man sich über praktische Erfahrungen der Anwendung Personalisierter Medizin informieren möchte. 

 

Dabei stehen Projekte aus dem Bereich “Scientific wellness” im Zentrum der Kooperation, basierend auf eben den letztes mal beschrieben persönlichen Parameter-Wolken der Patienten. Es geht um das Verständnis, wie jemand aus Gesundheit in eine Krankheit abgleitet, sowie um Langzeitstudien z.B. um die Entwicklung von Alzheimer besser zu verstehen oder Brustkrebs Patientinnen das Verkraften belastender Therapien zu erleichtern. Die Hoffnung ist dabei nicht nur die Qualität der medizinischen Behandlung zu verbessern, sondern auch Kosten einzusparen. “Optimizing wellness” nennt Leroy Hood diesen Ansatz. 

 

Er hat auf einem Kongress über Personalisierte Medizin im Jahr 2016 in Tübingen von Ergebnissen einer ähnlicher Studie berichtet, die vor der Kooperation mit Providence Health & Services in kleinerem Maßstab durchgeführt wurde: 

 

Ein Kollektiv von 108 offiziell gesunden Teilnehmern wurde hinsichtlich “scientific wellness” mit modernen molekularen Methoden untersucht. Dabei wurde folgende Parameter für jeden Probanden erfasst:

 

- Gesamt-Genom-Sequenz (DNA)

 

- Epigenome (das sind Veränderungen an der DNA und dem umgebenden Chromatin, die nicht die Basen-Abfolge betreffen)

 

- Transcriptome (das sind die Boten-RNAs, die letztlich zur Bildung von Proteinen/Einweißen führen

 

- Phenome (Symptomatik, Erscheinung)

 

- Metabolome (Metaboliten sind die Bestandteile, in welche die Nahrung oder andere Stoffe wie Medikamente zerlegt werden, aus denen unser Körper aufgebaut wird und die die Energie für das Leben liefern, bzw. die Steuerung der Vorgänge beeinflussen)

 

- iPS proteome (iPS sind (induzierte) pluirpotente Stammzellen, die sich wieder in viele verschiedene Zelltypen entwickeln können; proteome ist die Gesamtheit der Proteine/Einweiße in einer Zelle; in diesem Fall einer iPS Zelle).

 

Abbildung 2 Pilot Studie zu Scientific Wellness

 

Abb2 fasst die Studie grafisch zusammen. Alle Werte zu messen kostete etwa 6.000 US $ / Jahr und Proband und das ohne die Kosten der Auswertung. 2014 waren die ersten Untersuchungsreihen abgeschlossen. Die Ergebnisse wurden dann noch durch Befragungen über den Lebensstil und fortlaufende Eigenbeobachtungen der Probanden ergänzt. 

 

100% der Probanden zeigten dabei initiale Abnormitäten in den Blutwerten und erhielten “actionable recommendations”, d.h. Empfehlungen für konkrete Verhaltensänderungen, die sie selbst umsetzen konnten. Das ist bemerkenswert, da ja alle 108 Teilnehmer ursprünglich unter “gesund” eingestuft worden waren. Obwohl 50% der Probanden der Studie ursprünglich skeptisch gegenüber standen, berichteten doch nahezu alle anschliessend, eine positivere Haltung zu haben und sich in die Lage versetzt zu fühlen, ihr eigenes Schicksal durch konkrete Handlungen beeinflussen zu können. Allein dieser Sinneswandel ist schon ein beachtliches Ergebnis für sich genommen, zeigt er doch, das ganz normale Menschen sehr wohl durch objektive Argumente und Messungen zu motivieren sind. 

 

Natürlich muss nicht jeder ohne derartige Anpassungen zwangsläufig als Patient enden, aber es kann wohl schon angenommen werden, dass ein erheblicher Anteil diesen Weg gegangen wäre und damit vermeidbare Behandlungskosten erzeugt hätte.

 

Allgemein zeigte sich, dass System Medizin nicht aus Einzelwerten und Beobachtungen besteht, sondern ein zusammenhängendes und gut strukturiertes Netzwerk darstellt (“network of networks”). Das Ziel der durchgeführten Datenanalysen bestand darin, Krankheits-bedingte Störungen in diesen Netzwerken zu erkennen. Dabei kam einiges zu Tage:

 

Blut erwies sich dabei als ein Fenster um Gesundheit oder Krankheit zu erkennen und zu verfolgen. Durch Messung von Blutwerten konnten auch Rückschlüsse auf Veränderungen innerhalb von Organen gezogen werden. Sich gesund zu fühlen und keine Symptome einer Erkrankung zu zeigen, bedeutet nicht automatisch auch optimal gesund zu sein. 

 

Leroy Hood hat die Erfahrungen selbst recht prägnant zusammengefasst:

 

Wellness quantified (scientific wellness), disease demystified.  

Change disease industry into a scientific wellness industry. 

Wellness to greater wellness, less wellness, onset of disease, disease progression to therapy, individuals acting on actionable aspects.

 

Auf Deutsch:

 

Quantifiziertes Wohlbefinden (scientific wellness) löst die Mystik von Krankheit auf.

Verändern der Krankheits-Industrie hin zu einer (scientific wellness) Gesundheits-Medizin. Das erinnert unmittelbar and den Slogan der AOK “Die Gesundheitskasse”. 

Aus Gesundheit kann bessere Gesundheit werden, aus schlechter Gesundheit wird Krankheit, fortschreitende Krankheit wird therapiert, und Individuen handeln aufgrund von Aspekten ihrer Gesundheit), die durch gezielte Vorschläge beeinflusst werden können. 

 

Er hat am Schluss noch die vier großen Säulen genannt, auf denen die translationale Medizin (mit Providence Health & Services) beruht:

 

  1. Quantitative Gesundheit (Scientific Wellness)
  2. Wiederherstellung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Brustkrebs-Überlebenden (Breast cancer survivor wellness)
  3. Untersuchungen zur Alzheimer Krankheit (200 Einzelpatienten verfolgt, 36 Punkte-Ansatz, um das Auftreten von Alzheimer Symptomen hinauszuzögern)
  4. Gliobastom Forschung (ein spezieller Hirntumor)

 

 

Ob das Modell von Providence sich wirklich rechnet, wird sicherlich erst in einer Langzeitstudie über Jahrzehnte klar erkennbar werden. Nach allem was aber derzeit aus den vorhandenen Ergebnissen dieser und anderer Studien an Tendenzen erkennbar wird, erscheint es aber durchaus möglich. Mehr noch, es erscheint wahrscheinlich, dass sich unter dem Strich eine ausgeglichene oder sogar positive Bilanz für eine ernsthafte Scientific Wellness ergeben könnte. 

 

Was kommt als nächstes?

 

Nächste Woche möchte ich mich konkreter mit Lebensstil Veränderungen zunächst noch in allgemeiner Form befassen, die zur Gesundheitserhaltung beitragen. Die Woche danach werde ich speziell auf einige Beispiele eingehen, die aufgrund von Omics-basierten Analysen über das übliche Maß hinausgehen. 

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