Preventive - Präventiv (vorsorgend) 

Life Style - Lebens-Stil allgemein

 

Haben wir nicht alle schon die Erfahrung gemacht, dass einige Leute sich scheinbar folgenlos alle möglichen ungesunden Lebensweisen leisten können (keinen Sport, Rauchen, übermäßiges Essen mit viel Alkohol, etc.) und trotzdem steinalt werden? Eines der hervorstechendsten Beispiele hierfür ist sicherlich Winston Churchill, der sich in dieser Hinsicht als nahezu unzerstörbar erwies (ganz zu schweigen von den zusätzlichen Belastungen durch Krieg und politische Anfeindungen).

 

Bedauerlicherweise sind das aber Ausnahmen und die meisten von uns werden später im Leben sehr wohl den Preis für ungesunde Lebensweise bezahlen. Oft in Form grundsätzlich vermeidbarer Krankheiten (z.B. Typ II Diabetes oder bestimmte Formen indizierter Herz-Kreislauferkrankungen). Als Folge davon erleben Betroffene erhebliche Einschränkungen in der Lebensqualität und letztlich eine verkürzte Lebenserwartung. Leider stellen sich solche negativen Folgen oft erst Jahrzehnte nach dem ungesunden Verhalten, bzw. nach jahrzehntelangem ungesundem Verhalten ein, wenn es zu spät für präventive Maßnahmen ist. Es ist bisher nahezu unmöglich frühzeitig potentielle “Winston-Churchills” von der Mehrheit der Menschen zu unterscheiden, die eben Spätfolgen ungesunder Lebensweise erleiden. Im großen und ganzen ist auch die Personalisierte Medizin heute noch nicht soweit, dies für jeden frühzeitig und verlässlich vorauszusagen. Wie im letzten blog Eintrag (Nr. 05) ausgeführt wurde können durch intensive Tests erstaunlich viele relevante Informationen und Empfehlungen erlangt werden. Allerdings sind die Kosten derzeit noch nicht für allgemeine Reihenuntersuchungen in dieser Detailierung tragbar. Trotzdem, können eine Reihe von Krankheiten bzw. Anfälligkeit für Krankheiten (erblich bedingt) schon in jungen Jahren verlässlich durch gezielte Diagnose erkannt werden. Leider sind nicht alle derartigen Anfälligkeit (Prädispositionen) auch über den Lebensstil beeinflussbar (z.B. Huntington, “Veitstanz”) aber viele Erkrankungen können durch sinnvolle Anpassungen verhindert oder doch zumindest verzögert bzw. abgemildert werden. Wie allgemein bekannt, profitiert selbst ein langjähriger Raucher davon, aufzuhören, auch wenn die Verbesserungen und Lebenserwartung nicht unbedingt das Niveau erreichen, als hätte er nie geraucht.  

 

Änderungen der Lebensführung in Richtung eines gesünderen Lebens-Stils sind natürlich immer gut, selbst wenn sie später im Leben erfolgen. Aber natürlich sind die Vorteile am größten wenn derartige Anpassungen möglichst frühzeitig einsetzen. Theoretisch wissen wir alle, dass ein bewegungsarmes Leben nicht gut für uns ist und die Leber auf den täglichen Konsum großer Mengen alkoholischer Getränke zunehmend allergisch reagiert. Aber trotz dieser allgemein bekannten Tatsachen, zeigen Untersuchungen und Umfragen, dass eben diese schädlichen Verhaltensweisen in den westlichen Gesellschaften zunehmen und das in immer jüngerem Alter. Dafür lassen sich viele Gründe anführen, wobei die beiden häufigsten darin bestehen, die Zwänge des modernen Lebens (Beruf, Arbeitsbelastung, zu viel, zu gutes Essen, zu oft) verantwortlich zu machen, sowie in dem unerschütterlichen Glauben, das wir alle Winston Churchills sind und die üblen Folgen ohnehin nur “die anderen” betreffen. Abb. 3 fasst die schlimmsten Gewohnheiten auf der linken Seite in den schwarzen Blasen zusammen. Man sollte dabei nicht vergessen, dass zu dem bewegungsarmen Lebensstil meist auch eine ungesunde Ernährung (zu viel und das falsche Essen) gehört.  

 

Abb 3: Wahl des Lebensstils 

 

Daher brauchen wir alle ein wenig zusätzlichen Anschub, um zu erkennen, dass wir eben eher so wie “die anderen” sind und unsere Lebensführung sehr wohl Auswirkungen auf uns selbst haben wird und eben nicht nur auf “die anderen”. Es gibt kaum etwas ernüchternderes, wenn man  nach einer allgemeinen Rundumuntersuchung (Checkup) schwarz auf weiss auf die bestehenden Risiken hingewiesen wird. Das erhöht die Bereitschaft gewaltig nun auch wirklich etwas zu unternehmen. Gerade in diesem Punkt kann Personalisierte Medizin über molekulare Diagnostik gleich in zweifacher Hinsicht helfen: Zum einen erhält man deutlich mehr Informationen über persönliche Risiken und zum anderen bietet sich hier auch die Chance, Erfolg oder Misserfolg ergriffener Maßnahmen quantitativ zu verfolgen. Das stellt das Gegenstück zu den vielen Fitness Messgeräten dar, die dasselbe für sportliche Fitness machen und damit ja schon viele Leute dazu motiviert haben, Fitness Studios aufzusuchen, regelmäßig zu joggen und eventuell sogar hinreichend Schlaf zu bekommen (diese Dinge sind auf der rechten Seite von Abb. 3 in den grünen Blasen zusammengefaßt, dazu kommt dann noch eine gesunde Ernährung). 

 

Personalisierte Medizin ist also die beste Methode, die Fitness Idee in den molekularen Bereich unseres Körpers zu tragen. Quantitative Überwachung wichtiger Kennwerte in augenscheinlich gesunden Personen einschließlich der Empfehlungen wie sie am besten gesund bleiben, ist das was man unter “scientific wellness” oder quantitativer Gesundheit versteht (sieh hierzu die Blog Einträge Nr. 04 und Nr. 05).

 

In der westlichen Welt gibt es eine starke Neigung dazu, alles reduktionistisch (vereinfachend) zu sehen und zu behandeln. Jedes Problem wird in kleinere Unterprobleme zerlegt, die leichter zu verstehen und hoffentlich auch leichter zu lösen sind. Grundsätzlich ist an diesem Ansatz nichts auszusetzen, solange man nicht aus den Blick verliert, dass eine Teil-Lösung eben nicht automatisch eine Lösung des gesamten Problems darstellt. Themen wir beispielsweise eine Person, die ziemlich ungesund lebt, mit haufenweise Stress, zu wenig Bewegung, falscher Ernährung und möglicherweise noch arbeitsbedingten Schlafstörungen. Diese Person beschließt nun, jetzt noch eine Stunde im Fitness-Studios zweimal wöchentlich in das ansonsten unveränderte Alltags-Schema zu pressen. Das ist eine Ergänzung  (man könnte auch sagen Verschärfung) des Lebensstils, aber keine wirklichen Änderung und wird vermutlich keine der Lebensstil-gekoppelten Probleme lösen. Aber trotzdem ist ein bisschen immer noch besser als gar nichts…

 

Unser Lebens-Stil und Veränderungen desselben sind für Reduktionismus ganz besonders anfällig. Wenn ich nur einen Aspekt meines Lebens verändere, kann ich nicht erwarten, dass das mein ganzes Leben hin zu Besseren verändern wird. Jede Veränderung des Lebensstils die dazu gedacht ist, ein Gesundheitsproblem anzugehen, muss ganzheitlich alle beteiligte Aspekte des Lebens betreffen - und genau da beginnt es für den Einzelnen schwierig zu werden. Viele von uns sind beruflich eng eingebunden, was sich oft - scheinbar oder tatsächlich - nicht mit einer gesunden Lebensweise vereinbaren lässt. Ganzheitliche Veränderungen der Lebensführung sind oftmals nicht durchführbar das es äußere Zwänge gibt, wie z.B. eine Familie. Als Folge davon müssen wir viele Kompromisse eingehen, um Veränderungen halbwegs in Einklang mit unserem sozialen und beruflichen Umfeld zu bringen. Daraus folgt, dass viele zur Veränderung des Lebens-Stils empfohlene Ansätze aufgrund halbherziger Umsetzung dann auch nur wenige und kleine Erfolge erzielen. Das hat weniger damit zu tun, dass Veränderungen des Lebensstils nicht hinreichend wirksam wären, sondern dass sie nicht konsequent umgesetzt werden (können). Selbstverständlich hat die Industrie Mittel und Wege gefunden, das schlechte Gefühl hinsichtlich “fauler” Kompromisse in bare Münze umzuwandeln. Dafür gibt es unzählige, oft kostspielige Nahrungsergänzungsmittel. Das sind Zusammenstellungen von Substanzen, die Defizite in der normalen Ernährung ausgleichen sollen. Allerdings fehlt hier hinsichtlich der Unbedenklichkeit und der Qualität solcher Nahrungsergänzugsmittel eine unabhängige gesetzliche und institutionelle Kontrolle. Aufgrund der aggressiven Vermarktung und Verbreitung können solche Nahrungsergänzungsmittel auch gesundheitliche Risiken bergen (Kioukia-Fougia et al, 2016). Auf jeden Fall sind es keine magischen Mittelchen, mit denen sich die Probleme flacher Lebensführung bequem und ohne Aufwand lösen ließen. 

 

Die Einschränkungen was sich in einem “normalen” Leben realisieren läßt sind wohl eines der Grundprobleme unserer Gesellschaft hinsichtlich allgemeiner Gesundheitsvorsorge. Glücklicherweise bieten hier die Zweige Präventiv und Prädiktiv der Personalisierten Medizin Möglichkeiten, das Problem zumindest teilweise anzugehen. Wir reagieren alle unterschiedlich bzw. unterschiedlich stark auf Veränderungen der Lebensführung. Beispielsweise können manche schon mit vergleichsweise moderatem aber andauerndem Bewegungstraining recht gut Übergewicht abbauen, während andere selbst bei heftigsten Anstrengungen auf Dauer kaum ein paar Pfunde los werden. Eine quantitative Erfassung des genetischen und metabolischen Status kann hier aufzeigen, welche Veränderungen für die jeweilige Person von größtem Nutzen sein wird. Damit könnte sich alle individuell auf diejenigen Teilbereiche ihres Lebens-Stils konzentrieren in denen sie die nachhaltigsten Effekte erzielen können. Man kann zwar nicht immer alles haben, aber doch das beste Verhältnis von Aufwand zu Wirkung erzielen. 

 

Was also können wir tun, um Risiken des Lebensstils zu vermeiden bzw. zu korrigieren? Ein entscheidender Faktor ist ein gesunder, d.h. regelmäßiger, Wach-Schlaf Rhythmus in Kombination mit ausreichenden Schlafphasen. Das ist sehr wichtig für die Gesundheit und die Denkfähigkeit. Wenn Schlafens- und Essenszeit nicht miteinander harmonieren kann das Probleme mit der inneren Uhr erzeugen, die den Tag Nacht Rhythmus steuert. Oder besser mit den internen Uhren, denn wir haben zwei davon. Eine davon steckt im sogenannten suprachiasmatischen Kern (SNC) des Gehirns und ist ein stabiler Schrittmacher. Die andere befindet sich im Hippocampus (einer anderen Hirnregion) und synchronisiert mit der Verfügbarkeit von Nahrung. Wenn diese beiden Uhren aus dem Gleichgewicht gebracht werden, z.B. durch unpassende Zeiten der Nahrungsaufnahme, kann es zu Lern- oder Gedächtnis- Beeinträchtigungen kommen (Loh et al, 2015).

 

Aber Essen zur falschen Zeit ist keineswegs die einzige Art, unsere inneren Uhren durcheinander zu bringen. Schon eine Tasse Kaffee könnte das bewerkstelligen. Koffein verursacht eine Verzögerung zum unserem metabolischen 24-Stunden Rhythmus, der uns mit der Welt im Einklang hält. Koffeinhaltiger Kaffee vor dem Schlafengehen getrunken kann die innere Uhr um bis zu 40 min verzögern. Da ist halb so viel wie helles Licht bewirkt, das ein anerkannter Stimulus für eine nachhaltige Verzögerung der inneren Uhr ist (Burke et al., 2015).

 

Alle diesen Beobachtungen weisen auf eine generelle Problematik hin: Ein Auseinanderdriften von Geist, Körper und der Umwelt. Themen wir zu Beispiel die viel zitierte “Work-life balance”. Damit is ein gesundes Verhältnis zwischen Arbeit und dem persönlichen Leben gemeint. Grundsätzlich natürlich eine gute Idee, allerdings erzeugt diese Darstellung bereits in sich ein Problem, indem sie Arbeit und Leben als Gegensätze behandelt, die um unsere Zeit konkurrieren. Selbst wenn man Leben durch Freizeit ersetzt wird es nicht besser, es sind immer noch Gegensätze. Das zeigt aus meiner Sicht lediglich eine weitere Form des grundsätzlichen Problematik. Arbeit ist ein Teil unseres Lebens und nicht etwas zusätzliches. Wenn man das nicht als Einheit betrachtet, dann ist der Konflikt vorprogrammiert. Die grünen Blase “mentales Gleichgewicht” in Abb. 3 zeigt daher die Begriffe “Aktivität” und “Reflexion", die sich auf beides beziehen, Arbeit UND Leben. Wer die Arbeit als integralen Bestandteil des gesamten Lebens behandelt erspart sich diesen inneren Konflikt - Leben beinhaltet einfach alles. 

 

Was ich damit sagen möchte, ist dass eine Veränderung in unserer Geisteshaltung ein wesentlicher erster Schritt zur Vermeidung und Auflösung innerer Konflikt ist, vollkommen unabhängig von allen Verhaltensänderungen, die wir daraus noch ableiten. Zudem wird das dauerhafte Durchhalten von Veränderungen des Lebensstils nur über die entsprechende Veränderung der eigenen Ansichten möglich, alles andere endet immer wieder in einen Strohfeuer, beim Körpergewicht bekannt als Jo-Jo Effekt. 

 

Literatur-Hinweise

 

3.     Burke, T. M. et al. Effects of caffeine on the human circadian clock in vivo and in vitro. Sci Transl Med 7,

        305ra146, doi:10.1126/scitranslmed.aac5125 (2015).

4.     Loh, D. H. et al. Misaligned feeding impairs memories. Elife 4, doi:10.7554/eLife.09460 (2015).

5.    Kioukia-Fougia, N. et al. Synthetic and natural nutritional supplements: health "allies" or risk to public health?

       Recent Pat Inflamm Allergy Drug Discov (2016).

 

 

Was kommt als nächstes?

 

Nächste Woche möchte ich ein paar wesentliche Risiko-Faktoren großer Volkskrankheiten betrachten und den Einfluss unseres Lebensstils auf Wohlbefinden und Gesundheit anhand wissenschaftlicher Evidenz beleuchten.

 

 

 

 

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