Preventive - Präventiv (vorsorgend)

Life Style - Lebens-Stil allgemein

 

Ich werde mich nur auf vier Aspekte von Volkskrankheiten konzentrieren, die alle durch den Lebensstil beeinflußbar sind: Fettleibigkeit, das Metabolische Syndrom, Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen. Letztere erwiesen ich als häufigste Todesursache in 2014, während Diabetes “nur” Rang acht erreichte. Fettleibigkeit trägt zu beiden Erkrankungen bei und ist sowohl Begleiterscheinung und in vielen Fällen auch ursächlich beteiligt. (http://www.healthline.com/health/top-10-deadliest-diseases#1). 

 

Es ist bemerkenswert, dass die genanten Erkrankungen in vielen Fällen durch eine aktiveren Lebensstil einschließlich einer vernünftigeren Ernährung und dem Verzicht auf direkte Gifte wie z.B. Nikotin (Rauchen) nicht nur deutlich gebessert werden kann, sondern in etlichen Fällen komplett reversibel ist. Und zwar ohne jede medikamentöse Behandlung. Man könnte meinen, Diabetes Type II wäre so etwas wie ein Aufschrei des Körpers gegen ungesunde Lebensweise - sicherlich etwas zu einfach aber nicht ohne wahren Kern. Der Verdienst von “scientific wellness” basierten Analysen besteht auch darin, diesen qualitativ längst bekannten Zusammenhang jetzt mit quantitativen Messungen zu unterlegen und im Bereich des Nichtsichtbaren über klare Fakten die nötigen Anreize zu schaffen, dass Veränderungen des Lebensstils eben nicht nur kurzlebige Strohfeuer bleiben. Ich werde einige einschlägige Ergebnisse aus der Literatur zusammenfassen, die unten als Literaturhinweise angegeben sind. 

 

Die strategischen Ziele, herausgegeben von der American Heart Association (AHA, Khera et al, New Engl J Med 2016) listen vier positive Hauptfaktoren des Lebensstils auf (siehe auch Abbildung 4): 

 

- kein aktives Rauchen (zumindest nicht gegenwärtig)

- keine Fettleibigkeit (damit ist nicht leichtes Übergewicht gemeint sondern ein Body-Mass-Index [das Gewicht in

  kg dividiert durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat] BMI > 30, d.h. ein 180 cm großer Mann würde mehr als

  98 kg wiegen)

- Körperliche Aktivitäten mindestens einmal pro Woche

   eine gesunde Ernährung 

 

Ich werde es mir ersparen, allgemein bekannte Risikofaktoren alle einzeln aufzulisten, die mit Rauchen verbunden sind. In jedem Fall verschlimmern sie die genannten Erkrankungen. Ich möchte direkt zu der Betrachtung von Diabetes übergehen. 

 

Diabetes

 

Typ 2 Diabetes wird in den meisten Fällen während des Lebens erworben (im Gegensatz zu Typ 1, der angeboren ist). Diabetes ist auch ein Hauptrisikofaktor für darauf folgende kardiovaskuläre Erkrankungen (KVE). Eine Finnische Diabetes Vorbeugungsstudie hat gezeigt, dass Veränderungen im Lebensstil den Ausbruch des Diabetes in prädiabetischen Personen  in 58% aller Fälle entweder verzögern oder sogar ganz verhindern konnten (Athyros et al, 2010). Leider tritt dieses Problem nicht nur bei Erwachsenen auf. Auch Heranwachsende werden in zunehmendem Maß von Typ 2 Diabetes betroffen. Aber auch in diesem Fällen können positive Veränderungen des Lebensstils den Ausbruch der Erkrankung frühzeitig stoppen, was die Erfolge des “Yale Bright Bodies Healthy Lifestyle Programs” deutlich zeigen. Dieser Ansatz war erfolgreicher in der Reduktion des Diabetes Typ 2 Risikos als die übliche klinische Behandlung, gemessen an der Reduktion des 2 Stunden (nach Einnahme) gemessenen Blutglukosewertes (Savoye et al,, 2013). Nanditha et al (2014) stellten analog fest, dass die Lebenstilveränderung auch in prädiabetischen Männern mit einer deutlichen Reduktion des später auftretenden Diabetes einher gingen. 

 

Es ist wirklich erstaunlich, wieviele verschiedene Typ 2 Diabetes Varianten sich durch relativ einfache Veränderungen des Lebensstils positiv beeinflussen lassen. Allerdings ist das auch nicht das Zaubermittel, das alle Menschen helfen kann. Es gibt niedrig- und hoch-Risiko Gruppen von Menschen, was schon in prädiabetischen Personen deutlich wird. Derartige Risikoprofile beruhen auch korrigierter Insulin Sekretion und Insulin-resistenten nicht-alkoholbedingten Fettleber Erkrankung (NAFLD). Eine Stratifizieren der Patienten (Gruppeneinteilung nach Risiko) vor der Veränderung des Lebensstils kann hilfreich sein, um vorherzusagen, welchen Effekt einzelne Personen von entsprechenden Anpassungen des Lebensstils erwarten dürfen und inwieweit sie zu normalen Nüchtern-Glukosewerten zurückkehren können (Stefan et al, 2015). 

 

Abbildung 4: Lebensstil und Volkskrankheiten

 

Ernährung:

 

Wasser: Es gibt jede Menge ausgefeilte Schemata, wie man wahre Wunder mittels komplizierter Kombinationen von  ernährungstechnischen “Gesundheitsbomben” bewirken könne. Je nach der gegenwärtigen Modeströmung ändern sich die Listen dieser Geheimtipps immer wieder. Warum eigentlich nicht ganz einfach anfangen, indem wir mehr Wasser trinken? Dadurch geht nicht sofort der Diabetes verloren, aber es hat eine Wirkung auf die Fettleibigkeit, die ja oft Diabetes nach sich zieht. “Hinreichend Wasser zu trinken (Hydratation), sollte im Hinblick auf die Fettleibigkeit ganzer Bevölkerungsschichten mehr beachtet werden”, sagt  Tammy Chang, M.D., MPH, MS, ein “assistant professor” in der Abteilung für Familienmedizin an der Universität von Michigan in Ann Arbor, USA. “Hinreichende Aufnahme von Wasser ist in jedem Fall gut und unsere Studie legt zusätzlich nah, dass es einen Zusammenhang mit der Erhaltung eines gesunden Körpergewichtes gibt”, fährt sie fort. 

 

Obst und Gemüse: Gesunde Ernährung wurde damit beschrieben, dass man sich an wenigstens die Hälfte der folgenden Regeln hält: Mehr Obst , Nüsse, Gemüse, Vollkorn-Produkte, Fisch, und Milchprodukte essen, dafür weniger weißes Mehl, verarbeitetes Fleisch, rohes rotes Fleisch (z.B. Rindfleisch im Gegensatz zu Geflügel), zuckergesüßte Getränke, und sogenannte gesättigte Fette (meist fest im Gegensatz zu den Ölen, die einen höheren Anteil gesünderer ungesättigter Fettsäuren enthalten) (Khera et al, New Engl J Med 2016). 

 

Das erinnert natürlich sofort and die vielfach als besonders gesund gepriesene “mediterrane” Diät. Aber gibt es denn harte Fakten, die das unterstützen? Ein wesentlicher Bestandteil der mediterranen Diät ist beispielsweise der großzügige Einsatz von extra-nativem Olivenöl (ENOO). Im Jahre 2015 berichteten  Violi et al, dass ENOO tatsächlich die Spiegel post-prandialer Glukose und LDL-C verbessert. Dieser Effekt könnte auch hinter der antisklerotischen  (Verstopfung der Blutgefäße) Wirkung der mediterranen Diät stecken. Auch die im Granatapfel enthaltenen Ellagic-Säure (PEA) hat eine positiven Effekt, z.B. bei der Reduktion des Blutcholesterin-Spiegels (Food Funct., 2015, 6, 780).

 

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, aber einzelne Nahrungsbestandteile haben niemals denselben Effekt, wie eine insgesamt ausgewogene Ernährung. Daher wurden auch diverse Diät-Qualitäts-Skalen (DQS) entwickelt. um die Gesamternährung einer Person hinsichtlich ihrer gesundheitsfördernden Wirkung einordnen zu können. Hier sind die drei großen DQS:

 

- Nährstoff-basierte Faktoren

- Nahrungsmittel-Gruppen basierte Indikatoren 

- Kombinations-Skalen; sie stellen die größte Gruppe von DQS dar.

 

Der “Healthy Eating Index” (HEI, Index gesunder Ernährung), der Diet Quality Index (DQI, Ernährungs-Qualitäts-Index) und die Punkte-Skala für Mediterrane Ernährung stellen die vier “ursprünglichen” Diät-Qualitäts-Skalen dar. Sie werden am häufigsten zitiert und auch evaluiert (Gi, et al, 2015).

 

Fettleibigkeit

 

Fettleibigkeit (nicht geringes Übergewicht) ist weit mehr als ein paar Speckringe zu viel. Sie beeinflusst die Funktion lebenswichtiger Organe, wie dem Herzen, der Nieren oder auch direkt das Gehirn. Pränatale (vorgeburtliche) Fettleibigkeit der Mutter und /oder der (indirekte) Einfluß unserer westlichen Diät auf das Ungeborene hat einen nachhaltigen Effekt auf die microRNA Expression im Herzen (Wing-Lun et al, 2016). MikroRNAs sind keine RNA Abschnitte, die vorwiegend regulatorische Eigenschaften haben und sehr deutlich in die Erzeugung von Proteinen eingreifen. Fettleibigkeit ist ein bedeutender Risikofaktor für das Auftreten von Proteinurea (Eiweiß im Urin), was normalerweise irreparable Nierenschäden anzeigt. Aber auch hier kann ein Veränderung des Lebensstils helfen: Gewichtsverlust durch Kalorienreduktion, körperliche Aktivitäten oder magenverkleinernde Operationen gehen mit einem bedeutenden anti-Proteinurie  Effekt einher (Morales et al, 2012). Auch das Gehirn wird durch Störungen der peripheren Glukose-Regulation direkt beeinflusst. Damit sind Behinderungen des Denkvermögens und Depressionen verbunden, besonders bei älteren Personen. Wenn Fettleibigkeit durch einen passenden Lebensstil verhindert wird, so trägt das zum Erhalt der Hirnfunktionen und geistigen Gesundheit im späteren Leben bei (Hendrickx  et al, 2005). Die Effekte beschränken sich aber nicht auf die wenigen zentralen Organe, die ich angesprochen habe. Sie betreffen systematisch den gesamten Organismus. Weiträumige pathologische Veränderungen des gesamten Metabolismus werden zusammenfassend of als Metabolisches Syndrom bezeichnet. 

 

Das Metabolische Syndrom (MetS) tritt typischerweise zusammen mit Fettleibigkeit auf: diese ist allerdings nicht unbedingt Voraussetzung für das Auftreten eines metabolischen Syndroms und der damit verbundenen Risiken. Das metabolische Syndrom ist unabhängig von gleichzeitiger Fettleibigkeit mit verringerter epithelialer (Wand-)Elastizität der Blutgefäße verbunden. Das könnte die Ursache für das erhöhte kardiovaskuläre Risiko auch in normalgewichtigen Personen mit metabolischem Syndroms sein (Dow et al 2016). Außerdem erklärt es den meist mit dem metabolischen Syndrom verbundenen Blut-Hochdruck. 

 

Es gibt noch viele weitere Fakten für viele zusätzliche Effekte der Auswirkungen des Lebensstils auf molekularer Ebene. Die hier präsentierte Auswahl ist nur die sprichwörtliche Spitze des Eisberges. Aber es sollte genügen, die Hauptaussage klar zu machen: Ein ungesunder Lebensstil wird mit negativen Auswirkungen auf den gesamten Körper bezahlt bis hinunter auf die Ebene der einzelnen Zellen und ihrer Interaktionen. Und eben darum kann Personalisierte Medizin hier sehr hilfreich sein. Molekulare Diagnostik kann uns einen individuellen Weg aus diesem Dilemma aufzeigen. Durch die Analyse der persönlichen Verhältnisse kann jeder Einzelne Hinweise darauf erhalten, in welcher Weise er oder sie seinen/ihren Lebensstil am effektivsten anpassen kann.

 

Literatur-Hinweise

 

6.  Athyros, V. G., Tziomalos, K., Karagiannis, A. & Mikhailidis, D. P. Preventing type 2 diabetes mellitus: room for

     residual risk reduction after lifestyle changes? Curr Pharm Des 16, 3939-3847 (2010).

7.   Dow, C. A., Lincenberg, G. M., Greiner, J. J., Stauffer, B. L. & DeSouza, C. A. Endothelial vasodilator function in

     normal-weight adults with metabolic syndrome. Appl Physiol Nutr Metab 41, 1013-1017, doi:10.1139/apnm-2016-

     0171 (2016).

8.  Gil, A., Martinez de Victoria, E. & Olza, J. Indicators for the evaluation of diet quality. Nutr Hosp 31 Suppl 3, 128-

    144, doi:10.3305/nh.2015.31.sup3.8761 (2015).

9.  Hendrickx, H., McEwen, B. S. & Ouderaa, F. Metabolism, mood and cognition in aging: the importance of lifestyle

     and dietary intervention. Neurobiol Aging 26 Suppl 1, 1-5, doi:10.1016/j.neurobiolaging.2005.10.005 (2005).

10. Morales, E. & Praga, M. The effect of weight loss in obesity and chronic kidney disease. Curr Hypertens Rep 14,

    170-176, doi:10.1007/s11906-012-0247-x (2012).

11. Nanditha, A. et al. Early improvement predicts reduced risk of incident diabetes and improved cardiovascular

     risk in prediabetic Asian Indian men participating in a 2-year lifestyle intervention program. Diabetes Care 37,

     3009-3015, doi:10.2337/dc14-0407 (2014).

12. Savoye, M. et al. Reversal of early abnormalities in glucose metabolism in obese youth: results of an intensive

     lifestyle randomized controlled trial. Diabetes Care 37, 317-324, doi:10.2337/dc13-1571 (2014).

13. Stefan, N. et al. A high-risk phenotype associates with reduced improvement in glycaemia during a lifestyle

     intervention in prediabetes. Diabetologia 58, 2877-2884, doi:10.1007/s00125-015-3760-z (2015).

14. Violi, F. et al. Extra virgin olive oil use is associated with improved post-prandial blood glucose and LDL

     cholesterol in healthy subjects. Nutr Diabetes 5, e172, doi:10.1038/nutd.2015.23 (2015).

15. Wing-Lun, E. et al. Nutrition has a pervasive impact on cardiac microRNA expression in isogenic mice.

     Epigenetics 11, 475-481, doi:10.1080/15592294.2016.1190895 (2016).

 

 

Was kommt als nächstes?

 

Nächste Woche steigen wir in das Gebiet der Gesundheitskontrolle ein, woraus sich sinnvolle Warnungen und Empfehlungen auf einer personalisierten Basis ergeben. 

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