Preventive - Präventiv (vorsorgend)​

Education on health, ethics, risks/benefits (Bildung & Information über Gesundheit und gesundheitsbewußtes Verhalten, ethische Aspekte, und Aufklärung über Chancen und Risiken)

 

Es ist eine Binsenweisheit, dass man natürlich die besten Entscheidungen trifft, wenn man umfassend über die Hintergründe der zu entscheidenden Fragen Bescheid weiss. Es ist aber ebenso klar, dass dieser Idealzustand so gut wie nie erreicht wird. Mit anderen Worten, wir müssen uns ständig auf der Basis lückenhaften Wissens und Verständnisses entscheiden. Dabei hilft uns die Intuition, unsere allgemeinen ethischen Ansichten, sowie die Auswahl an Informationen über die wir zum Entscheidungszeitpunkt gerade verfügen oder präsent haben. Die Kehrseite derselben Situation wäre wohl am besten als eine Mischung zwischen Vorteilen, Fehlinformationen und Propaganda zu beschreiben. Leider ist es oft schwierig diese Dinge mitten im Geschehen auseinander zu halten. Je mehr objektive Fakten bekannt oder verfügbar sind, umso leichter fällt es uns zu erkennen, was damit im Einklang steht oder widerspricht. 

 

Das Internet hat uns ein nie zuvor erreichtes Maß and Informationsquellen eröffnet, was jeder auf seinem Rechner Tablet, oder Smart Phone jeden Tag erfahren kann. Ich verwende bewußt den Begriff der Information, der nichts über den Wahrheitsgehalt der Inhalte aussagt. Nachprüfbare Fakten sind zunächst ebenso Informationen wie unbeabsichtigte oder auch gezielte Falschmeldungen. Nur der Vergleich mit anderen Informationen und gezieltes Hinterfragen der Grundlagen aller Informationen läßt letztlich eine Unterscheidung zwischen seriös belegbaren und nicht seriös belegbaren Informationen zu. Behauptungen sind keine Fakten und wütende Beschimpfungen von Nachfragenden anstelle von Antworten entlarven oft unhaltbare Propaganda - wenn denn jemand fundiert nachfrägt. 

 

Information ist also zunächst einmal wert-neutral (oder sollte es sein), auch wenn eine Wertung oft gleich ungefragt mitgeliefert wird. Bildung und Aufklärung unterscheiden sich dahingehend, dass sie zumindest die direkt zugrunde liegende faktische Ebene solcher Informationen mit vermitteln, anstelle die Aussagen im leeren Raum stehen zu lassen. Vermitteln beinhaltet aber auch die Möglichkeit für den Empfangenden die vermittelten Inhalte verstehen zu können. Sonst werden auch Aufklärungsversuche eher den Charakter von Behauptungen (nicht nachvollziehbar) annehmen.

 

Das bringt mich zu einem sehr entscheidenen Aspekt von Bildung und Aufklärung. Die wichtigste Grundlage um etwas vermitteln zu können, ist gegenseitiger Respekt. Ein mit der Bemerkung “das ist so, das müssen Sie schon glauben” hingeworfener Brocken vermittelt in erster Linie Misstrauen. Und ein Pauschalvorwurf wie “Ärzte und Wissenschaftler lügen ja doch bloss alle” von der anderen Seite ist auch nicht hilfreich. Wenn ich im Folgenden der Einfachheit halber die Begriffe “Lehrer" und “Schüler” verwende, bitte ich diese im Sinne des englischen Sprachgebrauchs als geschlechtsneutral zu betrachten. Im Europäischen Raum hat sich über Jahrhunderte die Sitte etabliert, dass Lehrende zu respektieren sind, während Schüler, Studenten, oder eben “normale” Leute gefälligst widerspruchslos zu akzeptieren haben, was die Autoritäten von sich geben. Sicherlich heute nicht mehr so krass gelebt, aber ein grundlegendes Ungleichgewicht beider Seiten (der Lehrenden und der Lernenden) hält sich hartnäckig. Im asiatischen Raum sind die Verhältnisse vordergründig noch deutlich strenger hierarchisch geordnet, trotzdem spielt gegenseitiger Respekt hier eine große Rolle, der Lehrer verneigt sich ebenso vor seinen Schülern wie umgekehrt. Welcher europäische Lehrer (egal auf welcher Stufe) bedankt sich denn ernsthaft bei seinen Zuhörern/Schülern dafür, dass sie seine Ausführungen anhören und aufnehmen? 

 

Ein Lehrer ist jemand der deutlich mehr über die Faktenlage und die Zusammenhänge in einem Gebiet weiss, als seine Schüler / Zuhörer. Das bedeutet aber nicht, dass dadurch eine exklusive Deutungshoheit entsteht, Zuhörer können sehr wohl zu anderen Schlüssen kommen als der Vortragende. Das sollte die Grundlage eines Dialogs sein und nicht automatisch als weniger stichhaltig oder abwegig abgetan werden. Ich habe es in meinem eigenen Leben schon sehr oft erlebt, dass ausgerechnet “Außenstehende”, also nicht Fachleute, mitunter die weitaus besseren Ideen hatten als die Fachleute. Das lag meist daran, dass sie einen anderen Hintergrund besassen und nicht in ihrem Denken durch die gängigen Paradigmen (Denkmuster) der Fachleute eingeschränkt waren. 

 

Abbildung 4: Erfolgreiche Bildung erfordert den Dialog

 

Ein Lehrer der sich bemüht, seine Inhalte in einer für sein jeweiliges Publikum verständlichen Form zu vermitteln, muss sich zuallererst natürlich auch mit dem Hintergrund seines Publikums auseinandersetzen. Bildung und Aufklärung sind keine Einbahnstrassen, nur ein kommunikatives Miteinander kann zu optimalen Ergebnissen führen. Deshalb habe ich für die Reihe auch die Form des interaktiven Blogs gewählt, die eine Rückkopplung zu jedem Beitrag ermöglicht. Nur wenn ich erfahre, welche Teile verbesserungswürdig sind, kann ich entsprechend reagieren. Der Dialog produziert am Ende die beste Lösung und kein noch so gut gemeinter Monolog. Dafür sind Bücher da. 

 

Ich habe schon oft das “Totschlag-Argument” in Diskussionen gehört “dazu fehlen Ihnen einfach de Grundlagen, da müssten Sie erst ein paar Jahre studieren, um das verstehen zu können”. Im Prinzip stimme ich dem zu, mit einer kleinen Änderung: Der das sagt sollte ein paar Jahre studieren, um zu lernen, sich verständlich auszudrücken. Wenn ich wissen möchte, wie ein Verbrennungsmotor im Auto funktioniert, kann ich das durchaus verstehen, ohne zuvor ein komplettes Ingenieur-Studium absolvieren zu müssen. Ebenso kann ich verstehen, warum ich Antibiotika nicht nach zwei Tagen absetzen darf, ohne Medizin oder Biologie studieren zu müssen, wenn es denn vernünftig erklärt wird. In diesem Fall zum Beispiel, weil ein Teil der Bakterien nach zwei Tagen noch am Leben sein wird, auch wenn es zu wenige sind, um sich noch krank zu fühlen. Trotzdem reicht es, dass genügend der überlebenden Bakterien lernen, sich gegen das Antibiotikum zu wehren, so dass es beim nächsten Mal schlechter oder auch gar nicht mehr wirkt (man nennt das Resistenz). Nimmt man das Antibiotikum aber die volle Zeit ein (meist eine Woche), dann bringt mal damit auch die letzen Bakterien um (hoffentlich) und Tote lernen bekanntlich nichts mehr. 

 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es zu dieser Erklärung auch verschiedene Meinungen geben wird, von das ist vernünftig über zu stark vereinfacht, bis hin zu vollkommen daneben. Ich würde das gerne in den Kommentaren lesen, wenn  möglich mit einer Begründung, damit ich es beim nächsten mal besser machen kann.

 

Was ich damit eigentlich ausdrücken will, ist dass es durchaus möglich ist, gezielte und verständliche Aufklärung zu einzelnen Punkten zu betreiben, ohne eine riesigen Hintergrund voraussetzen zu müssen. Ich kann meine Uhr ablesen, aber nicht erklären, wie die ganz genau intern funktioniert. Muss ich auch nicht, um pünktlich irgendwo anzukommen. Es ist nicht erforderlich eine riesige Pyramide an Wissen aufzuhäufen, nur weil mich ein Stein in der sechzigsten Reihe von unten interessiert, Ich kann mir den Stein und seine unmittelbare Umgebung durchaus auch ohne die Pyramide anschauen. Übersetzt auf die Personalisierte Medizin bedeutet das, das ich ein bestimmtes Diagnoseverfahren in Grundzügen verstehen kann, ohne den gesamten Hintergrund zu kennen. Ob mir der Arzt ein Röntgenbild erklärt, obwohl ich kein Strahlenphysiker bin, oder eine Gendiagnose auch wenn ich kein Genetiker bin, macht keinen Unterschied. 

 

Bildung und Aufklärung muss sich an dem geplanten Publikum orientieren, nur dann wird sie Erfolg haben. Erfolgreiche Aufklärung muss aber zunächst Fakten, Ergebnisse und Befunde so vermitteln, dass der Betroffene das unmittelbar zumindest im Prinzip verstehen kann. Details kann man dann nachschauen, nachfragen, soweit das eigene Interesse reicht.

 

Ich denke, um dieses Ziel zu erreichen, müssen Ärzte, Wissenschaftler, Krankenkassen, Politiker und Juristen mindestens genauso viel dazulernen, wie die sogenannte Öffentlichkeit. Nur so kann ein sinnvoller Dialog zwischen allen Beteiligten zu einer wirksamen und generellen Umsetzung Personalisierter Medizin für alle führen. 

 

Was kommt als nächstes?

 

Nächste Woche steigen wir in etwas spezifischere Themen ein. Das erst wird die molekulare Diagnostik sein, die eine Grundvoraussetzung für Personalisierte Medizin ist. 

 

 

 

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